"Katalog", international im Gebrauch, im Französischen und Englischen "catalogue", im Italienischen "catalogo", im Deutschen früherer Zeiten oft gleich den ähnlichen Bildungen wie z.B. "Philologe" behandelt, so das man "den und die Katalogen" bildete (wie übrigens noch Goethe sagte), stammt aus dem Griechischen: "katalogos" von "katalego" = "ich zähle auf"; also eine "Aufzählung", eine "Liste", ein "Verzeichnis" und zwar eines, bei dem stillschweigend vorausgesetzt wird, daß es in einer bestimmten Ordnung, planmäßig und sorgfaltig angelegt ist.
Im alten Griechenland gab es alle möglichen Kataloge. Wohl der bekannteste ist der "Schiffskatalog", "ein Abschnitt aus dem 2. Buch der Ilias"; dann der "Katalog", "die nach dem Dienstalter aufgestellte Liste der zum Wehrdienst verpflichteten Manner in Athen", ferner der "Katalog von Hesiod", nämlich eine "Liste der Frauen der Sage mit ihren Geschichten".
Weiterhin sprachen die Griechen von einem "Katalog der Weltwunder", "Katalog der größten Ströme", "Katalog der höchsten Berge", "Katalog der berühmtesten Künstler" usw., von einem "Katalog der Sieger in den Kampfspielen", "Katalog der szenischen Aufführungen" und dgl. Für den "Bücherkatalog" in unserem Sinn benutzen die Griechen in alter Zeit das Wort noch nicht, wenn ihnen auch natürlich die Sache nicht unbekannt war.
Am Eingang zur Geschichte des Katalogwesens stehen die "Pinakes des Kallimachos", die ins 3. Jahrhundert vor Christus zurückführen und die in merkwürdiger Weise bereits alle die wichtigsten Probleme bergen, die uns heute noch im Bibliothek- und Katalogwesen bewegen. Gewiß erzählen vereinzelte Nachrichten schon von Büchereien aus noch früheren Zeiten; sowohl von privaten wie von staatlichen Sammlungen. Bei den Ausgrabungen der Hethibarhauptstadt in Boghazköi wurde auch ein Archiv von Tontafeln mit einem Verfasserkatalog gefunden. Von der Bibliothek des Königs Assurbanipal in Ninive aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert, dem ersten Höhepunkt der Bibliotheksund Kataloggeschichte, ist sogar ein ansehnlicher Teil im Britischen Museum heute noch vorhanden. Aber diese Tontafeln sind doch von unseren Büchern und schließlich auch von den Rollenbüchern der Antike so stark verschieden, daß Fragen, die uns heute beschäftigen, an ihnen sich schwer veranschaulichen lassen. Und die Nachrichten über die Privatbüchereien der Antike sind auch nur magere Einzelzeugnisse.
Demgegenüber bietet die Bibliothek von Alexandria, und zwar die größere im Königspalast, neben der noch die kleinere im Serapeum bestand, das Beispiel einer Riesensammlung, die mit ihren 400.000 bis 500.000 Rollen - von anderer Seite wird sogar die Zahl 700.000 genannt - in der ganzen Antike und auch noch das ganze Mittelalter über, nicht bloß nicht übertroffen, sondern auch nie mehr erreicht wurde und erst in der neueren Zeit übertrumpft werden konnte. Übrigens ist bei den großen Zahlen, die für die Bestände angegeben werden, zu berücksichtigen, daß sie nicht ebenso viele verschiedene Werke, sondern nur so viele Rollen bedeuten, die oft gleichen Inhalt hatten, dann also Dubletten darstellten. Ursprünglich Privatbibliothek der Ptolemäer, der größten Bibliophilen des Altertums, wurde sie später auch den Gelehrten des Museums zur Verfügung gestellt. Freilich ist auch diese Sammlung längst verschwunden; aber ein bedeutsames Werk, das von ihr zeugt und das auf ihr aufgebaut ist, hat immer wieder von sich reden gemacht, eben die genannten "Pinakes des Kallimachos".
"pinas" ist eine "Tafel", eine "Holztafel", auf der Aufzeichnungen angebracht werden konnen. An den Buchergestellen, Kasten oder Schranken (scrinia) der Alexandrinischen Bibliothek, in denen die Rollen in Futteralen aufbewahrt wurden, vielleicht auch an den Wanden der Magazine, waren solche Tafeln angebracht, auf denen die im Gestell enthaltenen Rollen aufgezahlt standen. Darauf geht das grose Werk des Kallimachos zuruck: "Listen der in jedem Bildungsgebiet Hervorragenden und ihrer Schriften in 120 Buchern".
In diesem Werk des Kallimachos, das 120 Bucher umfast, sehen die einen den altesten grosen Bibliothekskatalog, die andern die alteste grose Bibliographie, wieder andere das alteste Literaturhandbuch. "Kallimachos von Kyrene", etwa 310-240, der so an der Spitze der Kataloggeschichte steht, war ein angesehener Dichter. Er war früh an den Hof von Alexandria gekommen und hatte sich, ein Könner der Form und Meister der Sprache, als Vertreter der lyrisch-epischen Dichtung einen Namen gemacht. Spater verließ er das Reich der Dichtung, um in das der Wissenschaft uberzugehen.
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Als Grundlage fur sein Werk nahm Kallimachos jedenfalls die Ansätze zu einem Katalog der Bibliothek, eben die "Pinakes" der schon nach Gruppen aufgestellten Bestände. Die Ordnung der alexandrinischen Sammlung durch Zenodotos war vorausgegangen; man hatte die einzelnen Rollen bestimmt, ebenso die Teile der Sammelrollen, hatte das Normalexemplar festgestellt und das ganze Material nach dieser großen Hauptsichtung in Gruppen geordnet. Aber erst "Kallimachos" hat den Gesamtbestand zu einem grosen Werk zusammengearbeitet, das aber wohl in seinem Sinn weniger ein Gesamtkatalog der Bibliothek sein sollte; denn er hat ja für jedes einzelne Werk nicht alle vorhandenen Rollen genau verzeichnet, sondern hat nur sein Normalexemplar behandelt. So schuf er auf Grund der Bibliothek von Alexandria, die damals am ehesten den Anspruch auf Vollständigkeit der Literatur der Zeit, vor allem der griechischen Kulturwelt, erheben konnte und ja auch bewußt nach einer solchen Vollständigkeit strebte, eher eine Bibliographie, und zwar schon damals etwas, was wir heute etwa "bibliographie raisonnee" heißen. Vielleicht sind aber auch, die "Pinakes" im Sinn von "Kallimachos" noch mehr als literarhistorisches Werk anzusehen. Es ist nicht ohne Reiz feststellen, daß schon in der Erörterung uber diesen Archetypus unseres Faches die beiden Gesichtspunkte der Bibliographie und des Kataloges zusammentreffen, sowohl wenn wir die Art der Entstehung des Werkes, wie wenn wir seinen Zweck ins Auge fassen. Leider können wir uns von den "Pinakes des Kallimachos" kein vollstandiges und kein unangefochtenes Bild machen, da sie nicht erhalten sind. Wir bleiben auf Spuren angewiesen, die wir von ihnen in Abschriften späterer Handschriften finden, sowie auf die da und dort in der antiken Literatur zerstreuten Zeugnisse. Nach dem Gesamtbild, das viele seither dem Werk gewidmete Untersuchungen im großen ganzen mit genügender Klarheit ergeben, ist es wahrscheinlich, daß Kallimachos seinen Stoff in zweimal 6 Gruppen eingeteilt hat.
Die eine Gruppe, die "Dichter", hatte die Abteilungen "Epiker", "Elegiker", "Jambiker", "Meliker" (= "Lyriker"), "Tragiker" und "Komiker".
Die Gruppe der "Prosa" bestand aus "Historikern", "Rednern", "Philosophen", "Arzten", "Nomographen" ("geometrisch Mathematik") und "Varii auctores"; vielleicht hatte diese Gruppe auch noch einige weitere Abteilungen.
Kallimachos bildete also seine Gruppen nach den Literaturgattungen, die er mit der Sache und nicht mit den Personen bezeichnet.
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Weiter sagt man, die Umsetzung von "ü" in "ue" sei willkürlich. Dem könnte der Hinweis auf die schriftgeschichtliche Entwicklung entgegengestellt werden, wonach "ü" aus übergeschriebenem "e" entstanden ist, also "ue" gewissermaßen eine Wiederherstellung bildet. Jedenfalls kann man nicht ohne weiteres sagen, das Einsetzen von "e" sei eine Willkür.
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| Erscheinungsdatum | 2006-05 | Titel | Etymologie-Newsletter |
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